Caricatura Museum Frankfurt – Museum für Komische Kunst
bis 17. Januar 2027
Katharina Greve gehört zu den renommiertesten Vertreterinnen der Komischen Kunst. Ihr vielfach ausgezeichnetes Werk ist geprägt von satirischem Humor sowie architektonisch inspirierten Zeichnungen und wird nun in einer umfassenden Gesamtschau präsentiert. Greves künstlerisches Repertoire ist breit gefächert und umfasst neben Cartoons und Comics auch Malerei, Illustrationen, Fotos sowie Objekt-, Film- und Textarbeiten. Mal verspielt und leicht, mal pointiert kritisch und nah am Zeitgeschehen, und dann von Nonsens getragen, überrascht sie immer wieder mit ihrem scharfsinnigen Blick auf unsere Welt.
Katharina Greve, geboren 1972 in Hamburg, schloss 1999 ihr Architekturstudium an der TU Berlin ab. Seit 2002 ist sie als freischaffende Künstlerin tätig, widmete sich zunächst dem szenischen Schreiben, Performances, Installationen und Designarbeiten. Ab 2004 folgten erste Cartoons, die bis heute in vielen Zeitungen und Magazinen erscheinen, darunter Titanic, taz, neues deutschland und Süddeutsche Zeitung.
Bereits bei ihrem Comic-Debüt Ein Mann geht an die Decke erregte Greve Aufmerksamkeit mit ihrer unverwechselbaren Stilistik. Zentrale Merkmale zeigen sich bereits hier in konzeptuellen Erzählansätzen, seriellen Strukturen und spielerischen Perspektivwechseln, die aus absurden Ausgangssituationen heraus grundlegende Fragen zu Wahrnehmung und gesellschaftlicher Ordnung entwickeln. Diesen Ansatz führt sie sowohl in Patchwork, einer lakonisch erzählten Geschichte über eine Transplantationsforscherin, die ihre Kinder im Labor erschafft, wie auch in Hotel Hades, ihrem Entwurf einer absurden Jenseitswelt, konsequent fort.
Die dicke Prinzessin Petronia stellt wiederum Greves parodistische Qualitäten eindrucksvoll unter Beweis (seit 2015 in Das Magazin). Mit ironischer Zuspitzung überführt sie Saint-Exupérys Kunstmärchen Der kleine Prinz in eine episodische Comic-Erzählung. Im Mittelpunkt steht die stets übel gelaunte Cousine des kleinen Prinzen: Prinzessin Petronia, die sich den Erwartungen ihres Umfelds widersetzt und um Selbstbestimmung ringt. Hier schafft Greve eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit Rollenbildern, Körpernormen, gesellschaftlicher Zuschreibung, Identität und Anpassung. Die Besucherinnen und Besucher des Museums werden indes bereits im Schaufenster von einem Skulptoon der Prinzessin Petronia begrüßt, die zusammen mit dem Multifunktionswurm Mirco auf ihrem Planeten durch das Universum schwebt. Angefertigt wurde das Werk vom Kasseler Bildhauer Sigi Böttcher.
Zu Greves bedeutendsten Werken zählt ihr 2015 gestarteter Webcomic Das Hochhaus – 102 Etagen Leben. Über zwei Jahre hinweg wuchs das virtuelle Gebäude täglich um ein Stockwerk. Inzwischen auch als Buch erhältlich (Buchrolle vergriffen), entwirft Greve ein absurd komisches Panorama des (zwischen-)menschlichen Lebens. Hinter den scheinbar abgeschlossenen, privaten Mikrokosmen der Bewohner und Bewohnerinnen entfalten sich ungefiltert die großen gesellschaftlichen Themen der Gegenwart: Arbeit und Leistungsdruck, Familien- und Rollenbilder, Einsamkeit und soziale Nähe, Migration, Identität und Zugehörigkeit, Wohlstand und Ungleichheit. Auf engstem Raum verdichtet sich so ein vielschichtiges Bild gesellschaftlicher Realität – präzise beobachtet und zugleich von feinsinnigem Humor durchzogen.
Greves Liebe zu außergewöhnlichen Figuren und Geschichten zeigt sich wiederum in ihrem Werk Die letzten 23 Tage der Plüm. In minimalistischer Bildsprache und pointierten Texten entwirft Greve ein amüsantes Lehrstück zum Krisenmanagement der Plüms, zwischen ehrlichen Bemühungen zur Rettung ihrer Welt und tiefster Resignation vor der scheinbar unabdingbaren Apokalypse.
Ihr neuestes Werk Meine Geschichten von Mutter und Tochter ist Greves Hommage an Erich Ohsers (alias e. o. plauen) Vater und Sohn. Mit großem Gespür übersetzt sie seine berühmten Bildergeschichten in das Hier und Jetzt. Ihre Protagonistinnen begegnen den Herausforderungen des modernen Alltags und beantworten Fragen nach Geschlecht, Normen und Erwartungen mit viel Kreativität, Herz und Verstand.
Über ihre Buchpublikationen hinaus entfaltet Katharina Greve ihre künstlerische Vielseitigkeit in zahlreichen weiteren Projekten: Regelmäßig erscheinen Textbeiträgein der Titanic-Rubrik „Vom Fachmann für Kenner“, im Jahr 2020 widmete sie sich der Acrylmalerei. Ebenso erstreckt sich Greves künstlerisches Repertoire auf Fotografie wie die „Aussagekräftigen Symbolbilder“. Von Kreativität zeugt ebenso ihre Objektkunst, so präsentiert die Ausstellung unter anderem ihr Werk Kalendula, den ersten Armband-Abreißkalender.
Insbesondere sind Greveszahlreiche Cartoons für Zeitungen und Magazine hervorzuheben. Pointiert kommentiert sie gesellschaftliche und politische Themen wie die Gefahren der Robotik, die Krise des Gesundheitswesens, den Klimawandel oder die Rentendebatte. Internationale Beachtung fand Greves Cartoon, der im Karicartoon-Kalender exakt am 10. Februar 2013 den Papstrücktritt von Benedikt XVI. vorhersagte.
Die Werkschau „Qualitätsideen seit 1972“ im Caricatura Museum gibt einen umfassenden Einblick in das künstlerische Œuvre von Katharina Greve. Ein Highlight der Ausstellung ist unter anderem das komplette Hochhaus, über fünf Meter hoch. Das einem Cartoon nachempfundene Verlierertreppchen dürfte zudem für viele Lacher und Selfies sorgen. Auch die Tapete als prägendes Gestaltungselement und heimlicher Star in Greves Cartoons rückt in den Fokus der Ausstellung: Ein für sie charakteristisches Tapetendesign gestaltet eine gemütliche Leseecke. In dieser ruhigen, einladenden Atmosphäre können Besucherinnen und Besucher in Greves Bildwelt eintauchen und in ihren Publikationen schmökern. |